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Der Wert der Privatsphäre

Wir kennen alle die rhetorische Frage, die von manchen Leuten kommt, wenn sich einer der Privatsphärenverteidiger gegen ID-checks, Kameras, riesige Datenbanken, data mining, RFID und andere Überwachungstechnologien ausspricht: "Wenn du nichts Falsches machst, was hast du dann zu verstecken?"
Ein paar gute Antworten: "Wenn ich nichts falsches mache, hast du keinen Grund, mich zu überwachen." "Weil die Regierung definiert, was Falsch ist und sie ihre Definition ständig ändert." "Weil du vieleicht etwas Falsches mit den Informationen anstellst, die du durch mein Überwachen erhalten hast." Mein Problem mit Aussagen wie diesen - so wahr sie auch sind - ist, dass sie die Behauptung akzeptieren, dass man Privatsphäre nur braucht, um etwas falsches zu verstecken. Das stimmt nicht. Privatsphäre ist ein rechtmässiges Menschenrecht und eine Voraussetzung, um den Menschlichen Stand mit Würde und Respekt zu behandeln.

Zwei Sprichwörter sagen es am besten: Quis custodiet custodes ipsos? ("Wer beobachtet die Beobachter?") und "Absolute Macht korrumpiert absolut"

Kardinal Richelieu verstand den Wert der Überwachung, als er sagte: "Man gebe mir sechs Zeilen, geschrieben von dem redlichsten Menschen, und ich werde darin etwas finden, um ihn aufhängen zu lassen." Beobachte jemanden lange genug, und du wirst etwas finden, um ihn zu verhaften - oder ihn zu erpressen. Privatsphäre ist wichtig, weil ohne sie würden Überwachungsinformationen missbraucht werden. Voyeurismus, Verkauf an Werbefirmen, Ausspionierung politischer Feinde - wer das auch immer zur Zeit gerade sein mag.

Privatsphäre beschützt uns vor Missbrauch von denen, die an der Macht sind, auch wenn wir zur Überwachungszeit nichts falsches getan haben.

Wir machen nichts falsches, wenn wir Sex haben oder auf's WC gehen. Wir müssen nicht gleich etwas verstecken wollen, wenn wir private Räume aufsuchen. Wir haben (private) Tagebücher, wir singen in der Privatsphäre der Dusche und wir schreiben private Briefe an unsere heimlichen Angebeteten (und verbrennen sie dann). Privatsphäre ist ein grundsätzliches menschliches Bedürfnis.

Weil wir in allem beobachtet werden, sind wir ständig der Bedrohung der Berichtigung, der Verurteilung, der Kritik, ja sogar des Plagiats unserer eigenen Einzigartikeit ausgeliefert. Wir werden Kinder, gefesselt durch wachsame Augen, immer fürchtend, dass - entweder jetzt oder in der unsicheren Zukunft - Spuren, die wir zurücklassen, wieder hervorgeholt werden, um uns mit unseren einstig unschuldig-privaten Taten in Verbindung zu bringen, die der Authorität nun plötzlich sauer aufstossen. Wir verlieren unsere Individualität, weil alles, das wir tun, beobacht- und aufzeichnenbar ist.

Wie viele von uns haben in den letzten viereinhalb Jahren eine Konversation pausiert, weil sie sich plötzlich klar wurden, dass sie belauscht werden könnten? Es war wahrscheinlich ein Telefongespräch, aber vieleicht auch eine E-Mail oder eine ICQ-Besprechung oder sogar ein Gespräch in der Öffentlichkeit. Vieleicht war das Thema Terrorismus, Politik, Bush oder der Islam. Wir stoppen plötzlich, weil wir befürchten, dass unsere Worte aus dem Zusammenhang gerissen werden könnten, lachen dann aber über unsere Paranoia und fahren fort. Aber unser Verhalten hat geändert und unsere Worte sind ein bisschen angepasst.

Das ist der Verlust der Freiheit, dem wir gegenüberstehen, wenn unsere Privatsphäre von uns genommen wird. Das ist das Leben in Ostdeutschland zur Stasizeit, oder das Leben in Saddams Irak. Und es ist unsere Zukunft, wenn wir ein immer aufdringlicheres Auge in underem persönlichen, privaten Leben dulden.

Zu viele charakterisieren die Debatte fälschlicherweise als "Sicherheit gegen Privatsphäre." Die richtige Wahl ist Freiheit gegen Kontolle. Tyrannei, wenn sie aufkommt, egal ob unter der Bedrohung eines Angriffes von Fremden oder unter konstanter inländischer autoritärer Überwachung, ist immernoch Tyrannei. Freiheit verlangt Sicherheit ohne Einmischung, Sicherheit zusammen mit Privatsphäre. Ausgedehnte Polizeiüberwachung ist die genaue Definition eines Polizeistaates. Und genau dass ist der Grund, warum wir uns für die Privatsphäre einsetzen sollten, auch wenn wir nichts zu verstecken haben.

Videos

Pizzabestellung im Überwachungsstaat

"Schäubles Lust an der Überwachung" - Monitor, 12.04.2007 (Deutsch)

Schäubles Pläne - Klaus (Deutsch)

"Nothing to Hide" (Englisch)

"Big Brother State" (Englisch)

"Trusted Computing" (Englisch)

"Spychips" ABC Newsreport (Englisch)

Über die Amerikanische E-Mail-Überwachung (Englisch)